Auf geht’s, Dakar!

Vier  Monate Zeit, ein gültiger Pass und eine BMW F650 Dakar. Zu wenig für die Weltreise. Aber genug für den ersten grossen Motorradtrip. Der 20-jährige Yannick Kramm fand hilfsbereite Menschen, grandiose Landschaften und viel Regen.

Unter mir knallt‘s. Da bleibt nichts anderes übrig als die Kupplung zu ziehen und den Hügel, auf dem ich mich befinde, runter zu rollen. Vor und hinter mir schnelle Autos. Zum Glück erscheint unten die Einfahrt zu einer Farm. Ein definitiv besserer Standort als die Strasse. Also in die Einfahrt reinrollen, absteigen und das Motorrad anschauen. Die Kette hängt befehlsverweigernd neben dem Rad. Das Zahnrad glänzt mit der Abwesenheit seiner Zähne. Der worst case ist eingetroffen, eine Panne abseits der Zivilisation.
Ohne fremde Hilfe wird’s nichts mit weiterfahren, also suche ich nach Unterstützung. Wo ein Eingang zu einer Farm ist, steht vielleicht auch ein Farmhaus, und wo ein Farmhaus steht, lebt vielleicht auch ein Farmer, und wenn der Farmer noch lebt, kann er mir vielleicht helfen. So meine Schlussfolgerung. Tatsächlich finde ich den Farmer zwanzig Fussminuten später unter seinem Traktor, er scheint ebenfalls nicht gänzlich zufrieden zu sein mit seinem Gefährt. Meine Situation ist schnell geschildert. Natürlich hilft er mir weiter, das sei doch Ehrensache in England. Einige Telefonate später ist eine Werkstatt gefunden, nur 3 Meilen die Strasse runter. Seine Hilfsbereitschaft ist damit aber noch nicht am Ende. Er fährt mich und mein Motorrad zur Werkstatt, er regelt das Formelle mit der Garage, er sucht mir einen Campingplatz in der Nähe. Kein Wunder also, dass er, der Farmer, an diesem Tag mein Held ist.
Der Mechaniker der Werkstatt hasst BMWs und hält mir eine Standpauke, wieso Mann und auch Frau das nicht fährt. Danach erklärt er sich aber bereit, zu reparieren, was es zu reparieren gibt. Neue Kette und neues Zahnrad für 140 Pfund. „Es ist Freitag, danach ist Wochenende. Ich werde Montagabend oder Dienstag damit fertig sein. All right, Buddy?“
Also verbringe ich ein verlängertes Wochenende 30 km vor Land’s End, dem westlichsten Punkt Englands, in Carnon Downs, dem kleinsten Provinz-Nest-was-auch-immer  in England. Zeit genug also meinen ersten Reisemonat Revue passieren zu lassen.

IMGP0099Begonnen hatte die Reise mit einem harmlosen Gespräch zwischen mir und einem Freund, Hannes. Wir hatten beide frei, wir wollten beide etwas von der Welt sehen. Eine spontane Reise nach Tunesien erschien uns dafür geeignet. Das Problem, während mein Motorrad für eine Reise bereit war, fehlte ein Auto für Hannes – ach ja, die Reise sollte sieben Tage später beginnen. Also verbrachten wir eine Woche mit dem Kauf eines Opel Fronteras sowie seinem Umbau in ein wüstentaugliches Fahrzeug. Alles lief wie am Schnürchen und tatsächlich erfreuten wir uns eine Woche später an den schlimmsten Regenfällen der vergangenen fünf Jahre in Tunesien. Fahrtechnische Schwierigkeiten wurden angegangen und gemeistert. Schon bald fühlten wir uns wie alte Wüstenfüchse beim Überwinden von ganzen Dünengürteln. Gut zwei Wochen wendeten wir auf um das Land zu durchfahren. Dann bereits die Rückfahrt nach Tunis. Tschau sandiges Tunesien, hallo verschneite Schweiz.

Während Hannes in die Armee zurückkehrte, fuhr ich weiter nach Westen. Über Calais erreichte ich Dover und setzte meinen Weg über Brighton und Bournemouth zum westlichsten englischen Punkt, Land’s End, fort. Die Lebensdauer des Fronteras endete übrigens wenige Wochen danach, als ein Zylinder sowie die Zündverteilung ausfielen und die neu gekauften Enduropneus das mit Abstand Wertvollste am Fahrzeug bildete.
Da war ich also. Auf einem 5-Stern Campingplatz in Carnon Downs, beim Warten auf mein Motorrad. Mein Traum vom „Reisen ohne Ziel“ ging bisher bestens auf. Dies war gleichzeitig meine einzige selbst auferlegte Regel. Ich wusste nicht wo das Ziel der Reise sein würde und ich tat einen Teufel, irgendwelche Verpflichtungen einzugehen. Der Wetterbericht war mein Wegweiser und die Qualität des Frühstücks bestimmte die Länge der Tagesetappen.

Am Montagabend bekomme ich mein Motorrad zurück. Die Probefahrt nach Land’s End verläuft ohne erneuten Zwischenfall. Eine grandiose Küste, die das Ende von England signalisiert, verschandelt durch einen Vergnügungspark.
Über die Nordküste von Cornwall bahnt die Strasse ihren eigenen Weg nach Bristol. Steigungen und Gefälle bis 30% sind keine Seltenheit, und machen mit dem Motorrad offensichtlich mehr Spass als den Caravanfahrern mit ihren mobilen Häusern. Über eine riesige Hängebrücke erreichen meine Dakar und ich Wales. Ich fahre ins zentral gelegene Gebirge, verbringe eine Nacht im Nationalpark neben Schafen und Schäferhunden – tolle Idee… Von Cardigan über weitere, unaussprechbare Ortschaften bis nach Holyhead. Hier gäbe es die schnellsten Fährverbindungen nach Irland, lasse ich mir sagen. Nach einem Besuch im Büro von Irish Ferries gibt es eine freudige Nachricht im Sinne einer Fahrkarte nach Dublin für 70 Euros.

IMGP0415Nieselregen und Nebel begleiten mich während der gesamten Überfahrt nach Dublin. Erst als das Motorrad irischen Boden unter den Rädern spürt, sticht die Sonne ein erstes Mal durch die Wolken. Über eine mit Schlaglöchern übersäte Hafenstrasse gelange ich ins Zentrum der Stadt. Einige Tage lang erfahre ich alles Wissenswerte über Geschichte, Hungersnöte, Politik, Freiheitskämpfe, und U2, dann breche ich auf in den Süden Irlands. Über die Besichtigung der überteuerten Touristenattraktionen erreicht meine BMW einige Tage später den Three Castle Head im Südwesten. In der rauen Küstenlandschaft stehen die Ruinen von drei Wehrtürmen aus dem 13. Jahrhundert, den Three Castels. Plätze wie diese liebe ich und werden jeweils mit einem ausgiebigen Brunch gewürdigt.
„Ring of Beara“ und „Ring of Kerry“. Dies sind die Namen zweier Ringstrassen, welche sich um die Halbinseln Beara und Kerry schlängeln. Umgeben von Rhododendron, Trockenmauern, Schafen auf der Strasse, kleinen vorgelagerten Inseln, weissen Sandstränden und steilen Kliffs. Die Landschaft umwerfend schön, die Gebühren für Campingplätze leider nicht. Eine Investition in das örtliche Pub erscheint mir sinnvoller, übernachtet wird in den Büschen.
Der Weg um die “grüne Insel“ führt mich über Limerick und Shannon zum Loop Head. Die bekannten irischen Kliffe gibt es hier auch schon. Aber ohne Absperrungen, Eintrittsgelder und Parkprobleme wie weiter im Norden.IMGP0590
Abwechslung zum Motorradalltag gibt es genügend. Wenige Kilometer nördlich der weltbekannten irischen Kliffe, Cliffs of Moher, liegt die niedliche Ortschaft Doolin. Hier liegen neben drei der ältesten und bekanntesten Pubs des Landes auch Ausflugsboote im Hafen.  Eines davon bringt mich auf die Aranislands. Dank den vielen Anbietern, die sich die Preise selbst drücken, ist dieser Spass für einmal sogar bezahlbar. Bei strahlendem Sonnenschein dümpelt das kleine Schiff nach Inishmore. Diese ist die grösste der Aran Islands und Heimat von Schafen, Trockenmauern und Fahrradvermietern. Also miete auch ich mir ein Fahrrad für zehn Euro. Eine halbstündige Fahrradtour gefolgt von einer halbstündigen Wanderung führt mich zu „the Pool“. Eine überdimensionale, natürliche Badewanne. Diese wird jeweils während der Flut mit grossen Wellen gefüttert. Ich geniesse dieses Naturschauspiel und vergesse dabei ganz, dass man auch in Irland Sonnenbrand bekommen kann.IMG_7741
Etwas westlich steht Crough Patrick, der Pilgerberg der Iren. Rund 800 Meter erhebt er sich vor dem Ozean. Hier soll der heilige Patrick im fünften Jahrhundert 40 Tage lang gegen Dämonen gekämpft haben. Als er ihnen widerstehen konnte, wurden alle Drachen und Schlangen aus Irland verbannt. Zumindest das Letztere stimmt tatsächlich, keine Schlangen für Irland. Kurzfristig entscheide ich mich, ebenfalls auf den Berg zu pilgern. Für den Aufstieg werden knapp eineinhalb Stunden benötigt, etwas länger dauert der Abstieg. Über 100% Steigung beinhaltet der Schotterweg im oberen Drittel. Ja, pilgern ist hart und der Berg holt sich seine Opfer. Allein auf meinem Abstieg überhole ich zwei Frauen, welche auf Bahren geschnallt sind. Wieso man unten im Tal Wanderstöcke und nicht Unfallversicherungen verkauft, bleibt mir rätselhaft.
Im Zickzackkurs gelange ich über Sligo, Donegal und Glencolumbkille zum Grenzort Portsalon. Mit strahlendem Sonnenschein verabschiedet sich die Republik Irland. Die Menschen stets freundlich und hilfsbereit, die Natur grossartig. Regen gab es in diesen drei Maiwochen gerade dreimal.
Über den Giant Causeway erreichen mein Motorrad und ich Belfast. Zwei Tage verbringen wir hier zwischen moderner Grossstadt und Bürgerkrieg.IMG_7751

Zwei Stunden dauert die Fährfahrt von Belfast nach Schottland. Ich ziehe meine Schleifen nordwärts. Geschickt wird Glasgow umfahren. So geschickt sogar, dass ich auf einer Strasse lande, welche sich zur Zeit im Bau befindet. Sprich alle zwei Kilometer rote Ampeln sprich alle zwei Kilometer fünf Minuten im Regen stehen. Ich schau in den Himmel, dann auf die Autokolonne, dann an mir runter und frag mich: „Was zum Teufel machst du hier eigentlich?“
In den nächsten Tagen gelingt es mir dann doch noch, die wirkliche Schönheit Schottlands zu betrachten. Hohe Berge, tiefe Seen. Karge, mattgrüne Wiesen und leuchtende, orange Blumen. Auf der „Isle of Skye“ tobe ich mich als Motorradfahrer aus und fühle mich wie im Paradies. Kreuz und quer jage ich die niederländischen Caravans durchs Gelände.
Irgendwann erreiche ich Uig und fahre von da nach Tarbert, auf die äusseren Hebriden. Auf dem Schiff treffe ich auf zwei englische Motorradfahrer, welche von ihren Campingabenteuern erzählen. Wir landen in Tarbert, es regnet, sie entscheiden sich um und gehen in ein Hotel. Ich bleibe standhaft, warte den Regen ab und stelle dann mein Zelt im Hochmoor auf. Auf einem Hügel mit 360° Blick zum Horizont, ein Loch vor mir, den Sonnenuntergang hinter mir. Kein Haus oder Mensch weit und breit. Ich fühle mich wie der König der Welt und verbringe die Nacht mit den niedlichen, Blut fressenden „mitches“.
IMGP0760Dass ich am nächsten Tag für 20 Kilometer über zwei Stunden benötige ist nicht meine Schuld. Ein Schafhirte findet es witzig, seine Herde vor mir über die Strasse zu hetzen. Ich finde das Ganze spannend zum Betrachten, meine Stimmung kippt jedoch beim Anblick der hinterlassenen Strasse. Schöne Sch…..
Über mehrere wunderbare einspurig zu fahrende Strassen gelange ich in den Norden Schottlands. Das Wetter treibt mich jedoch rasch wieder südlicher, nach Drumnadrochit am Loch Ness um genau zu sein. Auf einem Campingplatz auf einer Pferdekoppel verbringe ich drei Tage mit Fussball WM schauen. Für wen sie denn grundsätzlich sind an dieser WM, will ich von den Schotten wissen. „ABE“, ist die Antwort. Was „ABE“ ist, erfahre ich, als ein weiterer Schotte mit einem „ABE“ T-Shirt eintrifft: „Anybody. But. England.“ – ich hätte es mir denken können.

Ein kurzer Abstecher nach Edinburgh, schon liegt Schottland hinter mir.
England gegen Deutschland steht auf dem heutigen WM Programm. Todesmutig sitze ich in einem Pub gefüllt mit Engländern. Grölend und vulgär wie es sich gehört. Ich beschreibe nun nicht, wie sich die Stimmung in den nächsten 90 Minuten ändert, bin aber froh, dass man mir den neutralen Schweizer abnimmt. Wieso diese Fussballgeschichte? Ganz einfach, danach folgt einer der ganz grossen Höhepunkte meiner Reise.
Die Idee in zwei Tagen nach Hull zu fahren, weil mögliche Fährverbindung nach Kontinentaleuropa, erschien mir solide. Meine gute Laune verpufft aber zusehends, als weit und breit kein Campingplatz auftaucht. Dann, abends um halb neun Uhr, stehe ich im Industrievorort von Hull – ohne Schlafmöglichkeit. Ich irre durch das Industriegebiet. Eine Frau am Strassenrand. Ich halte an und will nach einem Camping fragen – sie kommt mir zuvor: „Chan I chelp you?“ fragt mich die russische Prostituierte. Da ich lediglich eine Schlafmöglichkeit für mich alleine suche, kann sie es leider nicht. Keine 100 Meter weiter werde ich von zwei 1.90 Meter grossen, breitschultrigen, kurzgeschorenen Engländern angehalten. Sie schildern mir meine Situation aus ihrer Sicht: „Wenn du noch fünf Minuten länger in diesem Viertel stehst, wirst du ohne Motorrad weiterreisen müssen“. Ich soll froh sein, wenn ich meine Unterhose noch anhaben werde… Das Industriegebiet von Hull sei eines der gefährlichsten von England und nach der Niederlage am Nachmittag werde es nicht besser – so ihre Überzeugung. Sie schlagen mir vor, mit ihnen nach Hause zu kommen. „Wir wohnen nur zwei Blocks weiter. Von uns musst du übrigens keine Angst haben“ sagt der eine beiläufig. Mit was für einem Gefühl ich den beiden folge muss ich wohl nicht beschreiben. Die Überraschung dann gross: Sie hätten ein Familienfest/ Barbecue vorbereitet. Eigentlich um den Englandsieg zu feiern, ob ich für Deutschland war und ob ich katholisch bin, wollen sie wissen. Wiederum erzähle ich die Geschichte der neutralen Schweiz. Diese Antwort gefällt ihnen so gut, dass sie mich zum „Frustbarbecue“  einladen und mir anbieten, im Garten zu campieren. Ich verbringe einen der lustigsten Abende meiner gesamten Reise mit Briten, Barbecue und Bier. Ah ja, wie sich dann noch herausstellte wurde ich von professionellen Rugbyspielern eingeladen. Zwei von ihnen sind aktuelle schottische Nationalspieler.IMGP0869

Schiffverbindungen von Hull aus gibt es zur Genüge. Meine Wunschidee ist die Überfahrt nach Rotterdam, dies scheint aber schwer zu werden. Kurzfristige Onlinebuchungen sowie ein Telefonat funktionieren nicht wie gewollt, alles sei ausgebucht  für diese Woche. Also suche ich den Hafen auf und mache mich vor Ort auf die Suche nach Tickets. Wenige Minuten später stehe ich vor meinem Motorrad mit einem breiten Grinsen und – Tickets nach Rotterdam für den selbigen Abend. Nach der Absage einer Familie sei gerade Platz frei geworden und ich könne eine Sechs-Personenkabine für mich alleine haben, Glück muss der Mensch haben!
Vorbei an Grachten, Hausbooten, Kornfeldern und Windmühlen, Hamburg entgegen. Nach zwei Fahrtagen freue ich mich auf die Hansestadt. Meine hier wohnhafte Grossmutter besorgt mir nicht nur ein Zimmer, sondern auch einen Termin beim Motorradhändler. Ein weiterer 10‘000 Kilometer Service ist mal wieder überfällig.

IMGP0863Nach vier Hamburgtagen packe ich das Motorrad erneut und fahre weiter nach Norden. Über Dänemark erreiche ich bald schon Südschweden. Der  anfänglichen Verwirrung über die unterschiedlichen Kronenwechselkurse folgt rasch eine Riesenfreude über dieses riesige Land. Nach einem Kurzbesuch in Göteborg beginnt für mich die waldige Weite Schwedens. Die Landstrasse bis an den Horizont für mich alleine. Gut, zugegeben, aufgrund der ganzen Bäume ist der Horizont nie sehr weit entfernt, dennoch geniesse ich die Ruhe ohne hektischen Grossstadtverkehr.
Einmal um den Vänernsee und ab nach Karlstad am Nordufer. Mein wöchentlicher Kurzabstecher zu McDonalds zwecks „GPPmGI“ (Gratis-Pinkel-Pause-mit-Gratis-Internet) halte ich hier ab und richte den Lenker gegen Mora. Die Kleinstadt, die für mich das Tor zum menschenleeren Norden darstellt, bietet eine der raren Tankmöglichkeiten. Denn die Schweden, die bezahlen eigentlich nur noch mit Karte, bei mir hingegen haut das nicht wie gewünscht hin. Tankstellen, bei denen ich bar bezahlen kann, werden immer seltener. Spätestens nach einem 5-Liter-Notbenzinkauf für einen unverschämten Wucherpreis beschliesse ich dieses Problem ernst zu nehmen.
Der Gedanke, bis ans Nordkapp zu fahren kommt mir auf einem Campingplatz an der Ostküste, irgendwo zwischen Sundsvall und Kramfors. Mindestens ebenso wichtig ist mir aber der Besuch in Kiruna. Hier gibt es nämlich nicht nur das einzige europäische Raketenabschussgebiet, welches Weltraumraketen abschiessen kann/darf, ein Hotel aus Eis und einen Elchstreichelpark, sondern ebenfalls das grösste Eisenerzwerk Europas. Mir hat es vor allem die Geschichte der Eisenerzmine angetan. Weshalb? Seit über 200 Jahren, dabei über 100 Jahren professionell, wird hier in Lappland Eisenerz abgebaut. Zwei Berge gibt es in dieser Gegend. Der eine heisst Lachsberg, der andere Kiruna – Schneehuhnberg, so die Übersetzung ins Deutsche. Nachdem man 60 Jahre lang im Tagebau den halben Berg auseinander nahm, wird seit den 60er Jahren im Untertagbau gearbeitet. 1500 Meter hat man sich schon in die Tiefe gebohrt. Jede Nacht um viertel nach Eins wird gesprengt. Dies fühlt sich in der Stadt jeweils an wie ein Erdbeben – Nacht für Nacht. Da die Eisenerzader, und somit auch die Mine, schräg unter der Stadt verläuft, wird die Einsturzgefahr für die Stadt Kiruna immer bedrohlicher. „Was tun?“, fragten sich die LKAB-Besitzer und fanden eine Antwort. „Komm, lass uns die 20 000 Einwohner fassende Stadt um 5 Kilometer versetzten“, ihre Lösung. Eine Volksabstimmung musste her – und wurde mit 97% angenommen. Die ganze Stadt abhängig von einem Arbeitgeber. Einfamilienhäuser werden ausgegraben und mit riesigen Lastwagen durch die Gegend transportiert. Wohnblöcke werden gesprengt und neu aufgebaut. Ein See wurde umgeleitet und teilweise trockengelegt. Eine neue Eisenbahnstation wird in einem Jahr fertig gestellt. Das Rathaus und die Kirche bereiten ihnen noch Probleme, sie sind zu gross um transportiert aber zu wichtig um zerstört zu werden…
Stolz zeigen sich die Mineneigentümer zu der Vorreiterrolle im umweltfreundlichen Herstellen der Zwischenprodukte. Dennoch werden mehrere Prozent des gesamten Stromverbrauches Schwedens hier verbraucht.
Schwedenstahl – dies ist seine Geschichte.IMGP0893

Nach drei Tagen in Kiruna entschliesse ich mich endgültig, zwei weitere Fahrtage geradeaus nordwärts zu fahren, dem Nordkapp entgegen. Nach dem Grenzort Karesuando befährt meine BMW wenige Stunden finnischen Boden. Kaum in Norwegen angekommen verändert sich die Landschaft. Es wird deutlich hügeliger, die Kurven enger. Ein sieben Kilometer langer Unterwassertunnel gilt es zu durchqueren, dann die letzten Kurven bis zum Kapp. Im Kopf bereits die Mitternachtssonne an Kontinentaleuropas nördlichstem Punkt vor Augen. Und dann das: Nebel. Nebel so weit das Auge reicht – in diesem Fall etwa 30 Meter. Nur mit Mühe finde ich das Besucherzentrum, sogar dieses riesige Gebäude wird vom Nebel verschluckt. Im Umkleideraum der Angestellten darf ich meine nasse Kluft trocknen. Alleine mit meinem Frust bin ich jedoch nicht. Tagestouristen und Reisegruppen blicken mit säuerlichem Blick aus den Autos/ Reisecars. Da kommt mir die goldene Idee. Im Gegensatz zu allen anderen muss ich nicht am Abend umkehren, hier herrscht ja Jedermannsrecht. Dieses erlaubt das freie Campieren ausser Sichtweite von bewohnten Anlagen. Nur schon das Aufstellen des Zeltes bereitet nicht wirklich Freude: Verschluckt im Nebel, auf steinernem Boden, bei Windstärke 3, im Regen, bei 10° im Juli. Kurzfristig ändert das Wetter in der Nacht. Nach dem Motto „Windstärke 3 war gestern, heute ist Windstärke 4“ fällt das Thermometer weiter und erreicht am frühen Morgen beinahe die kritische Nullgradgrenze. Nicht so ganz ausgeschlafen stehe ich auf und rechne mit weiterem Nebel. Ich öffne mein Zelt und traue meinen Augen nicht. Sonne über mir, das Meer 300 Meter unter mir. Morgens um halb sechs, ich alleine am Nordkapp. Voller Freude schiesse ich meine Fotos vor der silbernen Weltkugel, voller Freude laufe ich zurück zum Motorrad und möchte weiterfahren. Es ist egal, dass meine Kofferdeckel eingefroren sind, es ist auch egal, dass meine Dakar nicht anspringt. Dann stosse ich das Motorrad halt an, es gibt doch manchmal so Tage, an denen lässt man sich durch nichts aufhalten. Ich hatte gerade deren 96 hinter mir.IMGP0937

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